Zwischenbilanz

Anderthalb Monate sind vergangen seit meinem letzten Blog-Post. Schändlich, könnte man sagen. Ich muss gestehen, dass ich selten den Anreiz spüre, etwas zu schreiben. Obwohl ich eigentlich gerne schreibe und dies mehr tun möchte.

Aber der innere Schweinehund ist nicht so einfach zu überwinden, da Schreiben für mich auf den ersten Gedanken weniger interessant ist als anderweitige Beschäftigungen. Lieber bastle ich an Websites oder Programmen rum, oder lese andere Blogs über diese und andere Themen.

Auch Podcasts, welche nicht zuletzt mich anfänglich zu diesem Schritt ermutigt haben, höre ich nach wie vor, aber viel weniger, als zur Zeit als ich noch täglich in Shanghai von der Wohnung per U-Bahn ins Büro und zurück pendelte.

Normalerweise ist das Pendeln ein Übel, doch dank den Podcasts habe ich das Blatt wenden können und hätte oft gewünscht, dass die Fahrt noch länger dauerte (manch Podcasts sind zwei Stunden lang, da kommt man in den 20 Minuten Fahrt und den 10 Minuten Fussmarsch nicht all zu weit – aber am Abend ging’s ja weiter, in umgekehrter Richtung).

Diese Zeit des Träumens und Fantasierens vermisse ich manchmal mittlerweile fast. James Altucher’s Podcast waren immer das Highlight für mich, da ich mich in seinen neurotischen Gedanken oft wiedererkannte und es immer noch tue.

Aber ich will nicht klagen, denn es ist auch super, nicht mehr jeden Tag von der Arbeit im Büro abgelenkt und aufgehalten zu werden. Das war ja wirklich unmöglich.

Ich will mich nie mehr mit Leuten darüber streiten, ob ich das IT-Problem nun lösen soll, oder ob ich besser zuerst noch zehn andere einschalte, um herauszufinden, wer zuständig ist, und der dann sagt, er mache es gleich, wenn ich aber am nächsten Tag (Zeitverschiebung lässt grüssen) ins Büro komme, ist genau null und nichts gemacht. Was für eine Ignoranz!

Und dann war ich handkehrum in der Führungsposition selbst gezwungen, den eigenen Mitarbeitern beizubringen, dass sie nicht Option A wählen dürfen. Mit der wäre zwar das Problem unbürokratisch und schnell erledigt, Aber nein, statt dessen sollen sie Option B ausführen, die völlig hirnrissige bürokratische Umwege und tagelange Verzögerung bringen wird, jedoch vom „Management“ auf irgend einem längst verschollenen Dokument so verlangt wird. Wahrscheinlich hätte auch jeder etwas anderes erzählt, wenn er über den Inhalt dieses Dokuments gefragt worden wäre. Auf jeden Fall würde es gegen einen verwendet, wenn mal was schief ginge. Ansonsten würde es aber nicht erwähnt (gelobt wird sowieso höchst selten). Bis vielleicht zum Annual Perfomance Review.

Ich schweife schon wieder ab. Wird ja wohl eh niemand lesen, dieses zusammenhangslose Gejammere…

Nun kann ich also aufatmen, dieser Abschnitt der Arbeitswelt habe ich also hinter mir. Lehrreich war’s ja, ich möchte es daher nicht missen. Solange man nicht zur Dumpfbacke wird,  und das ganze Leben lang in einem solchen Betrieb sitzen will.

Es ist an der Zeit, nach fast vier Monaten freiwilliger Joblosigkeit und freiwilliger Freiheit hier mal eine Zwischenbilanz meines neuen Lebens als Digitaler Nomade zu schreiben.

Eine leichte Ernüchterung ist bereits eingetreten. Was bei den Deutschen  „Starnomaden“ (Conni Bielaski (planetbackpack.de), Markus Meurer (www.marcusmeurer.de), Sebastian Kühn von (my)wirelesslife.de oder Tim Chimoy von earthcity.de) so einfach klingt, ist auf den zweiten Blick natürlich nicht ganz so. Ein ortunsabhängiges Business aufzubauen, von dem man mit relativ wenig Aufwand lebt, während man in tropischen Gefielden das Leben geniesst und in Blogposts über das Nomadenleben philosophiert, klingt super, braucht aber auch eine menge Disziplin. Das heisst, es ist zwar für mich alles vorstellbar und scheint wirklich machbar, aber mein persönliches Hauptproblem ist die Fokussierung. Es gibt so vieles zu lernen und erkunden, dass ich immer noch nicht sicher bin, was es denn schlussendlich sein wird, was mir das Leben ausserhalb vom 9-to-5 Bürojob ermöglicht.

Zudem können die verschiedenen Umgebungen auch stark ablenken und stören, so dass man mehr mit Suchen nach besseren Unterkünften oder Orten beschäftigt ist, als mit dem Arbeiten an Ideen. So nerven auf Bali zum Beispiel tausende von durchgeknallten Hühner, oder besser gesagt Hähne. Die krähen wie am Spiess, und das die ganze Nacht lang, statt sich auf die Abend- und Morgenstunden zu beschränken, wie sich das für zivilisierte Hähne gehört.  Und dass die Nachbarn überall wild Abfall verbrennen und einem der beissenede Gestank ständig in die Nase sticht, lässt auch nicht wirkliche Entspannung aufkommen. Oder die rücksichtslosen Hotelgäste, die um drei Uhr nachts mit der Türe riegeln, als müssten sie in Panik das Haus verlassen – gerade gestern in Bangkok geschehen. Es ist zum den Kopf in den Sand stecken.

Wenn man dann mal einen angenehmen aber günstigen Arbeitsort gefunden hat, kann man sich also darum kümmern, womit man gedenkt, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Vielleicht sollte ich einfach in einer Bar anheuern und Bier ausschenken. Aber das ist zu 1990. Diese Zeiten sind vorbei, heute gibt es zu viele interessantere Alternativen, als sich mit der einfachsten abzugeben. Auch wenn ich dabei vielleicht die nerven am besten schonen würde… Muss mir das nochmals überlegen. Nein, doch lieber Digitaler Nomade.

Es gibt diverse Möglichkeiten in der heutigen Vernetzen-Welt des Mitmach-Internets. Viele benutzen Wordpress auf relativ einfache Weise eine Affiliate Linkseite aufzubauen, über die sie mit Links zu Amazon und co. Vermittlerprovisionen verdienen. Es scheint Leute zu geben, die damit zumindest ein paar hundert Dollar pro Monat verdienen, einige wohl auch kleinere vierstellige Beträge, wenn sie es geschickt anstellen (die Amis vielleicht sogar Six-Figures – ähm, Insider Witz). Aber ich zweifle an der Nachhaltigkeit dieser Einkommensquellen und konnte mich bis jetzt einfach nicht dazu durchringen. Die Motivation fehlt mir, irgend ein „sinnloses“ Produkt zu bewerben, mit dem ich überhaupt gar nichts am Hut habe. Auch wenn ich wohl mit zwei drei Tagen Aufwand eine entsprechende Seite auf die Beine stellen könnte, ist mir das noch zu viel.

Eine ähnliche, aber meiner Meinung nach interessantere Einkommensquelle für mehr oder weniger Ortsunabhängige ist das Im- respektive Exportieren (kommt drauf an, wo man gerade sitzt) von Produkten, die man wiederum auf der Amazon Plattform anbieten kann. Dies ist daher interessanter, weil man sich mit dem Produktehersteller direkt auseinandersetzen muss, dabei aber auch eigene Ideen und Verbesserungen einbringen kann. Und dann lässt man noch sein eigene Logo drauf drucken, und schon ist man stolzer Besitzer einer eigenen Marke. Was früher nur wenigen grossen Playern vorbehalten war, wird immer stärker demokratisiert. Das Schwert dreht sich also um. Wenn ich z. B.  mit den Machenschaften von grossen Kleidermarkenherstellern nicht einverstanden bin, steht es mir heute offen, mit relativ wenig Aufwand und Mitteln ein eigenes, besseres verträgliches Produkt auf den Markt zu bringen. Falsch wäre, sich zu sorgen, dass man alleine nie das Budget oder die Horden an Angestellten eines grossen Markenherstellers hat – zumindest nicht am Anfang. Aber eben, jeder hat mal klein angefangen, und zudem ist es ja gar nicht nötig, so gross zu werden. Wenn ich für mich und meine Familie so viel verdiene, um davon gut leben zu können und dabei idealerweise auch noch gutes für andere (Mitarbeiter) tun kann, ist das Ideal erreicht. Durch die mit diesem Trend einsetzende Reorganisation und Fragmentierung der Verkäuferseite, in der die Konsumenten plötzlich zu Produzenten werden, ist es auch natürlich, dass die einzelnen Mitspieler auf dem neuen globalen Marktplatz kleiner sind, und es dafür für alle reichlich Platz hat, sich zu verwirklichen.

Es gibt viel zu tun…

 

Categories: Digital Nomadism, Entrepreneurship

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